Sasebo

Sa 6.1.24

© Heinrich Hofmann

Bayerisch-japanischen Anarcho-Blues

Die Gruppe Sasebo spielt bayerisch-japanischen Anarcho-Blues und treibt schon seit etlichen Jahren ihr hinterlistiges Spiel mit kulturellen Klischees. So auch mit der Erwartung an einen Bandtext:

"Anstelle einer handelsüblichen Albuminfo ...

Amerikanische Flottenaktivitäten rund um die japanische Bucht im Westend München

Es dämmert, und das nicht zu knapp! Nebelhörner dröhnen von Schiffen in der Ferne, angelockt von einer Kurbelwelle nah am Ohr, die dämmert auf und simmert ab als stoisch fortlaufender Generalbassmotor, als Bluesriff ohne Akkordprogression, fern also vom schematischen Wesen des Blues ... Und doch, mit Einsetzen eines zauberformelhaften Singsang-Portamento, in luftverspiegelter Nähe zu einem tribalistischen, malischen Desertblues. Die Schiffshörner und die Kurbelwelle senden Codes – es ist immerfort derselbe Code: Zwielicht Zwielicht, es dämmert und taut, es wummert und raut! Hier wird mit inszenatorischen Mitteln eine Kulisse gebaut.

Schon wandeln sich die Nebel- zu Alpenhörnern, deren Walzer auf einer Stufe verharrt, da bricht mit geisterhaftem Glissando das erste Licht in der Brandung, und aus fernen Kreuzern und Sternenzerstörern werden Buddelschiffe, als Modelle eingemacht. Jeder Flaschenhals gibt die Verlängerung eines Tankerrohrs, jede Saite ein haarfeines Tau, das die Takelage hochzurrt, all das in Miniatur. Es folgt Propellerbrummen, Bedrohung aus der Luft, mit Zisch und Krach reissen die Stimmbänder im Sturz, noch beben sie nach, schon ebben sie ab, die pazifischen Detonationen.

Die Stadt Sasebo wurde im Jahr 1902 als Marinestützpunkt gegründet. Japans kaiserliche Kolonialbehauptung war zur Jahrhundertwende immens, und fortan bis zur Niederlage gegen die Amerikaner Mitte des 20. Jahrhunderts ungebremst; Im Juni 1945 wurde Sasebo durch einen amerikanischen Angriff zu 48% zerstört, um gleich darauf zu Diensten der amerikanischen Navy wieder flott gemacht zu werden. Heute ist Sasebo Partnerstadt von Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico und Heimat von Japans besten Hamburgern. Albuquerque mit ihren unaufgeklärten Mordserien und Sasebo mit ihren hochgeschossigen Burgern – bleierne, düstere Twilightzones.

Das dämmernde Zwielicht lässt sich ganz einfach als Effekt herbeiführen – indem man die Augen zusammenkneift. Gangster und Yakuza machen das gern, in Filmen, um ihre Gegner und auch ihre Zuschauer stets in der Dämmerung zu sehen. Und dabei selber cool auszusehen! Die Songs von Sasebo haben die schleichende Körperbewegung von so einem Gangster mit zusammengekniffenen Augen und tragen Titel wie Cobra, Gagac, Gogo und Coja, die allesamt wie Synonyme für das Wort Cool klingen. Carl Tokujiro Mirwald ist dieser böse Oberboss, der Große Räuber Tokujiro, der absolut zu Fürchten ist. Und gleichzeitig ist es natürlich urkomisch, wenn der Chef in dem Stück Unsari verkündet: »So ein Leben habe ich satt, von morgens bis abends nur gehorchen zu müssen.«

Von einer komischen Theatralik beseelt ist ganz generell das Gebaren von Tokujiros Gegenspieler Toshio Kusaba, etwa wenn der sich in dem Stück Gagac in Tokujiros Geliebte verwandelt, und dabei den Angehimmelten bittet, "sie" zu töten, falls dieser "ihre" Liebe nicht erwidert. Und in Nechan kommt es zwischen Beiden zu einem traditionellen Geisha-Spiel, wo der Verlierer von "Stein, Schere, Papier" oder "fli, fla, flu" sich ausziehen muss. Die draußen lauernde Bande klingt derweil so, wie die Mützenjungs in den Illustrationen von Walter Trier zu Emil und die Detektive aussehen, hinter Litfaßsäulen hervorspähend, nur dass sie keine Detektive, sondern selber Ganoven sind. Einmal von dem Boss mit seiner Trillerpfeife aus ihren Ecken zusammengepfiffen, ziehen alle in einem umwerfend lausbübischen Chor die Straße runter, mit dem alleinigen Ziel, der "schönen Schwester" den Hof zu machen.

Die denkt in Gogo, gesungen von Tinka Kuhlmann, darüber nach, wie sich der Vogel zum Singen bringen ließe. Gogo ist eines der höfischen Lieder aus der Feder von Gitarrist Yutaka Minegishi, die allesamt wie ein Gegengewicht zu den verwegenen Stücken von Gitarrist Ivica Vukelic wirken, die wiederum eher aus amerikanischen Traditionen entsprungen sind, aus schwarzen Underclass– Traditionen wohlgemerkt, den echten Volksmusiken eben. Alles auf dieser Platte hat zwei Gesichter."

Toshio Kusaba lamento, vocal
Carl Tokijiro Mirwald jap. Percussion, singing saw, vocal
Tunka Kuhlmann accordion, vocal
Yutaka minegishi guitar
Ivi Vukelic guitar
David Bilander clarinet, piccolo flute, saxophone
Andi Koll tuba
Dirk Eisel drums
Zoro Babel Schlagwerk

 

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